Dorfgeschichten: Der Heilige Georg auf dem Georgiberg
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Ein Blick über Vachendorf
Wenn man sich auf das Bankerl vor der St.-Georgs-Kirche auf dem Georgiberg setzt und den Blick über Vachendorf schweifen lässt, dann kommt man vielleicht ins Nachdenken. Der Chiemsee schimmert in der Ferne. Im Norden erhebt sich der Türlberg. Rund um die Kirche ist es oft erstaunlich still. Da stellt sich fast von selbst eine Frage: Wer war denn eigentlich dieser Georg, der hier seit Jahrhunderten verehrt wird? War er wirklich der tapfere Ritter, der einen Drachen besiegt hat? Oder was steckt sonst hinter dieser alten Geschichte?
Ein Mann aus der Zeit der Römer
Um das herauszufinden, müssen wir weit zurückreisen. Zurück in die Zeit des Römischen Kaiserreiches. Damals lebte ein junger Mann namens Georg. Historiker vermuten, dass er um das Jahr 280 nach Christus in Kappadokien geboren wurde. Diese Landschaft liegt im heutigen Anatolien in der Türkei. Sein Vater war wahrscheinlich Soldat und auch Georg schlug diesen Weg ein. Er trat in die römische Armee ein und brachte es zu einem angesehenen Offizier. So weit reichen also die historischen Spuren. Doch dann beginnt der Nebel der Jahrhunderte.
Der Märtyrer
Die Überlieferung berichtet, dass Georg Christ gewesen ist. Als Kaiser Diokletian die Christenverfolgungen verschärfte, bekannte sich Georg offen zu seinem Glauben. Er weigerte sich den römischen Göttern Opfer darzubringen und den religiösen Forderungen des Staates zu folgen. Für einen Offizier war das ein sehr gefährlicher Schritt. Doch Georg blieb seiner Überzeugung treu und nahm dafür sogar den Tod in Kauf. Man vermutet, dass er um das Jahr 303 als Märtyrer gestorben ist. Das ist ungefähr das, was wir heute noch einigermaßen gesichert wissen.
Wo die Geschichte endet
Aber genau dort wo die Geschichte endet, da beginnen die Erzählungen. Dort beginnen die Legenden. Im Laufe der Jahrhunderte erzählten die Menschen immer neue Geschichten über Georg. Die bekannteste davon ist die Sage vom Drachenkampf. Ein furchterregendes Untier soll eine Stadt bedroht haben. Als schließlich sogar die Tochter des Königs geopfert werden sollte, erschien Georg auf einem weißen Pferd. Er stellte sich dem Drachen entgegen und besiegte ihn mit seiner Lanze. Die Prinzessin war gerettet und die Menschen jubelten.
Der Drache
Ob sich das nun wirklich so zugetragen hat, darf ruhig bezweifelt werden. Aber die Menschen des Mittelalters verstanden diese Geschichte ganz anders. Für sie war der Drache nicht einfach ein Untier. Der Drache stand für das Böse. Er war das Sinnbild von Angst, Krankheit, Gewalt und Unrecht. Georg dagegen wurde zum Sinnbild des Mutes und des Glaubens. Zu einem Menschen, der sich den dunklen Mächten entgegenstellt und nicht zurückweicht. Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seiner bis heute anhaltenden Verehrung.
Der Heilige der Ritter
Im Mittelalter wurde Georg zu einem der beliebtesten Heiligen Europas. Besonders die Ritter verehrten ihn als Schutzpatron. In ihm sahen sie das Vorbild eines Mannes, der mutig für seinen Glauben und für das Gute eintrat. Tapferkeit, Treue, Ehre und die Bereitschaft, Schwächere zu schützen – all diese Rittertugenden verband man mit dem heiligen Georg. Auch während der Kreuzzüge gewann seine Verehrung große Bedeutung. Immer wieder erzählten Kreuzfahrer, Georg sei ihnen in schwierigen Schlachten erschienen und habe ihnen beigestanden. Ob das nun wahr ist, wissen wir natürlich nicht. Sicher ist aber, dass seine Verehrung von da an in ganz Europa verbreitet war. England erwählte den heiligen Georg sogar zu seinem Nationalheiligen. Das rote Georgskreuz auf weißem Grund gehört bis heute zu den bekanntesten Symbolen des Landes.
Alte Orte, neue Geschichten
Manche Historiker und Volkskundler weisen auf etwas Interessantes hin. Viele Georgskirchen stehen an besonders markanten Orten: auf Anhöhen, Bergen oder Plätzen, die möglicherweise schon lange vor der Christianisierung von Bedeutung waren. Ob das auch auf den Georgiberg zutrifft, können wir heute nicht mit Sicherheit sagen. Aber die Vorstellung ist faszinierend.Vielleicht steht der Drache in manchen alten Erzählungen nicht nur für das Böse, sondern auch für die alten Mächte und Vorstellungen der vorchristlichen Welt. Dann würde Georg nicht nur einen Drachen besiegen, sondern symbolisch den Übergang von alten Glaubensvorstellungen zum Christentum darstellen. Beweisen lässt sich das nicht. Aber solche Gedanken gehören ebenfalls zu den zahlreichen Geschichten, die sich um den heiligen Georg ranken.
Warum Georg bis heute lebt
Vielleicht ist auch genau das der Grund warum Georg bis heute nicht vergessen wurde. Nicht weil er einen wirklichen Drachen besiegt hat. Sondern weil er für etwas steht, das Menschen zu allen Zeiten bewegt hat: Für Mut. Für Standhaftigkeit. Für die Bereitschaft den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben. Und so erinnert die St.-Georgs-Kirche auf dem Georgiberg bis heute an einen Mann, dessen historische Spuren zwar nur noch schwach zu erkennen sind, dessen Geschichte aber die Jahrhunderte überdauert hat. Wenn man hier oben sitzt und den Blick über Vachendorf schweifen lässt, versteht man vielleicht ein wenig besser, warum sein Name bis heute weiterlebt.