Dorfgeschichten: Der erste Pfarrer
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Wie ich auf den ersten bekannten Pfarrer von Vachendorf gestoßen bin
Eigentlich wollte ich nur ein wenig in den alten Matrikelbüchern der Pfarrei Vachendorf stöbern. Ich hatte die Pfarrchronik vor mir liegen und blätterte durch vergilbte Seiten. Dabei begegnet man plötzlich den Handschriften jener Pfarrer, die hier vor Jahrhunderten Taufen, Hochzeiten und Sterbefälle eingetragen haben. Und irgendwann merkt man: Diese Bücher sind viel mehr als bloße Kirchenregister. Hinter jeder Zeile steckt ein Mensch, der hier gelebt, gearbeitet und gedacht hat. Während ich mich durch diese alten Einträge arbeitete, fiel mir eine Zusammenstellung des Lehrers Liebl in die Hände. Darin hatte er die bekannten Pfarrherren von Vachendorf aufgelistet. Ganz oben stand ein Name: Ortwein. Daneben nur ein kurzer Quellenhinweis. Mehr nicht. Und trotzdem hatte ich sofort das Gefühl, dass sich hinter diesem Namen eine Geschichte verbirgt.
Die Suche nach Ortwein
Früher wäre man an so einer kleinen Notiz wahrscheinlich einfach vorbeigegangen. Heute aber haben wir Möglichkeiten, von denen frühere Heimatforscher nur träumen konnten. Besonders faszinierend finde ich die Plattform Monasterium.net. Dort wurden unzählige mittelalterliche Urkunden aus europäischen Archiven digitalisiert und online zugänglich gemacht. Also begann ich zu suchen. Ich gab einfach die Begriffe „Ortwein“ und „Vachendorf“ ein. Und plötzlich erschien tatsächlich eine Urkunde aus dem Jahr 1300. Ich weiß noch genau, wie ich in diesem Moment vor dem Bildschirm saß und dachte: Das kann jetzt nicht wahr sein. Nicht irgendeine spätere Abschrift. Kein Heimatbuch. Sondern das echte mittelalterliche Dokument. Dort stand: „Pfarrer Ortwein v. Vachendorf“. In diesem Augenblick wurde aus einem kleinen Namen aus einer alten Liste plötzlich ein wirklicher Mensch.
Eine Urkunde aus dem Jahr 1300
Die Urkunde wurde am 28. August 1300 in Salzburg vor dem Domkapitel ausgestellt. Sie behandelt ein Rechtsgeschäft um ein Gut, das Heinrich von Hertweiging an die sogenannte „Oblai“ des Salzburger Domkapitels verkauft. Heute versteht kaum noch jemand sofort, was damit gemeint ist. Die „Oblai“ war eine wirtschaftliche Einrichtung des Domkapitels. Aus solchen Gütern finanzierte man Gottesdienste, Gebete, Stiftungen und den Unterhalt der Geistlichen. Der Verkäufer erhielt das Gut anschließend gegen einen jährlichen Zins wieder zu Erbrecht zurück. Solche Konstruktionen waren im Mittelalter durchaus üblich. Besitz, Abgaben, Rechte und kirchliche Sicherheiten waren damals eng miteinander verbunden.
Warum taucht dort ein Pfarrer aus Vachendorf auf?
Genau das hat mich fasziniert. Ortwein war dort nicht zufällig anwesend. Pfarrer gehörten im Mittelalter zu den wenigen Menschen, die lesen konnten und gesellschaftliches Ansehen besaßen. Deshalb traten sie häufig als Zeugen bei wichtigen Rechtsgeschäften auf. Neben Ortwein erscheinen in der Urkunde weitere Personen:
- Heinrich von Grabenstätt
- Heinrich von Wagenau
- Buger von Pietling
Plötzlich sieht man ein ganzes Netzwerk vor sich: Pfarrer, Adelige, Grundbesitzer und das Salzburger Domkapitel.Und mitten darin ein Pfarrer aus dem kleinen Vachendorf.
Musste Ortwein wirklich nach Salzburg reisen?
Wahrscheinlich ja. In der Urkunde steht ausdrücklich, dass das Rechtsgeschäft „ze Salzb. vor dem capitel“ abgewickelt wurde — also in Salzburg vor dem Domkapitel. Das bedeutet vermutlich: Ortwein machte sich tatsächlich auf den Weg nach Salzburg, vielleicht zu Pferd oder zu Fuß, um dort als Zeuge aufzutreten. Und genau in solchen Momenten beginnt Geschichte plötzlich lebendig zu werden. Man stellt sich unweigerlich Fragen: Wie lange dauerte diese Reise? Wie sah Salzburg damals aus? Konnte Ortwein lesen? Hat er die Urkunde selbst gesehen? Stand er tatsächlich vor den Geistlichen des Domkapitels? Oder wartete er vielleicht draußen im Hof?
Warum wurde so etwas überhaupt aufgeschrieben?
Im Mittelalter wurde keineswegs alles dokumentiert.Pergament war teuer. Schreiben konnten nur wenige Menschen. Urkunden entstanden vor allem dann, wenn Rechte dauerhaft abgesichert werden mussten. Es ging um:
- Besitz
- Abgaben
- Lehen
- Rechte
- kirchliche Ansprüche
Die Urkunde war der Beweis dafür, wem etwas gehörte und wer den Vorgang bestätigte. Und genau deshalb kennen wir heute überhaupt noch den Namen Ortwein.
Ein seltsamer Zufall
Während ich die Urkunde betrachtete, fiel mir plötzlich etwas auf. Sie wurde am 28. August 1300 ausgestellt. Das ist mein Geburtstag. Und auf einmal entsteht ein ganz merkwürdiges Gefühl. Vor mehr als 700 Jahren war an genau diesem Tag vermutlich ein Pfarrer aus Vachendorf unterwegs nach Salzburg, um dort ein wichtiges Rechtsgeschäft zu bezeugen. 726 Jahre liegen zwischen uns. Und trotzdem wirkt dieser Mensch plötzlich gar nicht mehr so fern.
Warum mich solche Funde begeistern
Genau das liebe ich an Heimatforschung. Man sucht eigentlich nur nach einer kleinen Information — und plötzlich öffnet sich ein ganzes Fenster in eine vergangene Welt. Aus einem Namen wird ein Mensch. Aus einer Notiz wird Geschichte. Und aus einem kleinen Dorf im Chiemgau wird plötzlich ein Teil der großen mittelalterlichen Welt. Vielleicht liegt genau darin der Zauber solcher alten Quellen: Dass sie Menschen, die seit Jahrhunderten verschwunden sind, für einen kurzen Moment wieder sichtbar machen.